"Ich hab' ca. 30.000 mal 'Spirit Of Eden' gehört; ich nehme an, das hat mich schon ziemlich beeindruckt", flachst Stephan. "Nee, im Ernst: Das Spätwerk von Talk Talk hat mir, auch wenn ich versuche, ihnen nicht nachzueifern, zumindest die Augen geöffnet und gezeigt, was man als Musiker Wunderbares schaffen kann - auch wenn es letztendlich bedeutet, daß es nur ganz wenige Menschen wahrnehmen."
Auch Ubik Paint haben
schon Wunderbares erschaffen. Und, tatsächlich, kaum jemand
hat es bisher wahrgenommen.
Vielleicht, weil die Schönheit der besten Momente Ubik Paints
im Leisen liegt? Martin, Stephan und Stolle haben Songs
geschrieben, die die Welt verändert haben, ohne daß
diese es überhaupt mitbekommen hat. In aller Stille eben.
Stephan: "Es ist erst in der Ruhe möglich, intensiv zu werden.
Laut drauflosspielen kann jeder, und bei den wenigsten bedeutet es
dann wirklich etwas. Wenn etwas sparsam oder leise geschieht, nimmt
man es wesentlich bewußter wahr, so man überhaupt
wahrnehmen will." Martin konkretisiert: "Das Wichtige ist die
Intensivität, nicht die Stille. Die Stille ist eher das Mittel
zum Zweck." Und Stolle mit seinem Statement schließlich
öffnet völlig andere Wahrnehmungswege von resp. für
Ubik Paint: "Alles ist Blues".
Talk Talk sind dem
Verstehen von den je zwei, drei, jeweils unglaubliche
Intimität entwickelnden Songs je Platte eine hervorragende
Folie; die zwei großen Werke Ubik Paints aber an sich,
"Forbidden Architecture" (1996) und vor allem "Love Bank" (1998),
folgen in ihrer atmosphärischen Dichte, in Gestus, Haltung und
Improvisierlust krautigen Leitfiguren wie Can, Neu oder Faust. Da
bleibt es nicht beim Leisen. Signatur ist "intensives, aufmerksames
Zusammenspiel, nonverbale Kommunikation, Experimentierfreudigkeit
in möglichst vielerlei Beziehung."
Organisch gewachsenes Zeuch also, ein warmes, analoges
Klangkissen, ein Garten aus rootsy Traditionen und dazu
gegenläufiger Experimentierlust: selbstgebaute Instrumente
oder auch die psychedelische Kraft eines zur mindblasting Miniharfe
umfunktionierten Eierschneiders kicken das innere Ohr im
Hirn.
Allein: Die Geschichte Ubik Paints ist eine Geschichte zunehmender Frustration. Stephan: "'Love Bank' war ein sehr ernstes, sehr ausgereiftes und sehr mühevolles Werk, was uns eine Mordsarbeit gemacht hat. Zwei Jahre, drei Reviews und 50 verkaufte Exemplare später sagt man sich, wir hätten alles auch sehr viel lockerer handhaben und eine Menge Spaß daran haben können und wären dann jetzt nicht so deprimiert, weil die Platte sang- und klanglos untergegangen ist." Mit dem Ubik Paint-Sideproject Pale Blue versuchen Stephan und Stolle eine poppigere, verdaulichere Schneise zur potentiellen Hörerschaft zu schlagen, nicht ohne aber wieder zwei großartige Balladen alter Schule unterzumogeln. Und von der bandeigenen Internet-Homepage läßt sich nun die "Web-CD" "A Collection Of 23 Great Love Songs" kostenlos downloaden. Ob diese MP3-formatigen Ironiehäppchen zum Thema "Lovesongs" einer missverständnisfreien Rezeption des eigentlichen Ubik Paint'schen Schaffens gut tun, sei dahingestellt. Natürlich sind "die Lieder alle nicht ernst", und, klar, "Deutschland ist humoristisch und musikalisch ein Entwicklungsland". Dennoch zeigt die "Web-CD" nicht mehr als wie versatil und souverän Ubik Paint, nah an Musiker-Musik, mit Genre-Standartismen, bishin zur Parodie, leichthändig jonglieren können. Was manch' potentiellen Verehrer des Ubik Paint'schen Frühwerkes jedoch auch langweilen oder vertreiben könnte. Wer Ubik Paint retten möche aus ihrer Geschichte der Frustration, der entdecke ihre wahren Stärken auf "Love Bank" oder "Forbidden Architecture" und führe die Karlsruher so verdient zurück zum Glauben an den Sinn ihres Könnens. Schön gesagt.
Martin Schmidt
Ausgabe 7/1997:
Ein kleines Hexenhäuschen in Beiertheim mit verwunschenem Garten und einer Scheune, in der sich Übungsraum und Studio befinden ist die Heimat von Ubk Paint. Das Trio Stephan Kleinert, Wolfgang Schneider und Martin Giese haben mit "Forbidden Architecture" ihre erste CD draußen, die vom ErvTuG (Erforschen von Tönen und Geräuschen) bis zu Cover und Brennen der CD in Eigenregie entstanden ist. Was hier im Verborgenen blühte ist ein Projekt, das internationale Vergleiche nicht zu scheuen braucht, in Karlsruhe aber ohne Beispiel ist.
Ubik Paint beackern ein Ton-Feld mit den Koordinaten Artrock/Can (wird auch als Einfluß angegeben) / Postrock und haben Geistesverwandte in der Kölner Band Workshop, Pluramon, den Berlinern To Rococo Rot oder Tortoise. Aber: Nicht alles auf der Schnittstelle von Improvisation, Jazz, Dub, Artrock, Elektronik und Geräusch-Eskapismus ist Postkrautrock. Ubik Paint kombinieren diese Stilelemente mit einem Schuß Folk. Bass, Gitarre, Drums, Keyboards, Geräuschszenarien und ein waschechtes Harmonium ("das spielst du mit den Füßen, da kommt automatisch der Groove") sind das Instrumentarium der schillernden Klangreise von "Forbidden Architecture", im Studio steht aber auch ein Eigenbau: Ein langes, geschwungenes Abflußrohr, in das man Mikros hängen kann, auf dem sich Percussion machen läßt und das mit 4 Saiten bespannt ist, die wie eine Gitarre oder ein Streichinstrument gespielt werden können.
"Je spontaner, desto interessanter sind die Sachen", erzählt die Band im Interview, "wir spielen eigentlich nichts zweimal. In dem Moment, wo ein Song aufgenommen wurde, ist er durch. Klar machen wir Overdubs und beim Mixen und Mastern wird gefeilt, meist am selben Tag. Das ist auch der Grund, weshalb wir erstmal keine Live-Konzerte geben, wobei wir uns das in einem speziellen Umfeld oder Kontext trotzdem vorstellen können. Aber nur zum Reproduzieren von CD-Material spielen wir nicht live, das würde eher auf Improvisation hinauslaufen."
Das Trio setzt auf offene Rockstrukturen ohne artifizielles, konzeptuelles Gedöns. Konkret sieht das so aus, daß die Absicht, an Ostern einen Karfreitagssong zu machen in einem Punkrocksong mit Kirchenchorsample aus dem Internet endet. Einige trippige Schlenker sind der einzige Tribut an den Dancefloor, "aber das kann sich ändern. Wir haben inzwischen auch sehr groovige Songs gemacht und werden bald auch mit dem Sampler arbeiten. Das Problem daran ist, daß das ganze Spontane weg ist, bis er programmiert ist. Momentan mögen wir noch ganz gern handgemachte Musik, es hat auch was, schwitzend an der Gitarre zu stehen."
Allerdings: Hier schwebt kein expliziter Avantgardeanspruch über den Wolken, bei allem Experiment zählt der Spaß am Moment und der Experimental-Pop von Ubik Paint verträgt sich auch mit "Techno ohne Rhythmus, wenn wir mal ohne Instrumente nur die Geräusche von Maschinen, Autos, Vögel, das Laufen der Festplatte, das Gurgeln von Heizungsrohren und das Rauschen vom Radio aufnehmen."
Roger Waltz
Sehr eigenartige Dinge spielen sich ungeahnterweise in Karlsruher Proberäumen und Übungskellern ab. Ubik Paint zum Beispiel ist ein Trio, das zumindest bislang auf die leibhaftige Darbietung seiner Musik verzichtet und statt dessen lieber im Studio die Instrumente untereinander austauscht und mit gewöhnlichen und ungewöhnlichen Klangerzeugern herumexperimentiert, bis daß sich Harmonium und Gitarren, Schlagwerk und zerbrechende Flaschen, Stimmen, Keyboards, Blechbüchsen und Mundharmonika in teils alberne, teils ernstzunehmende, immer schräge Popminiaturen fügen.
Ein bißchen Tom-Waits-Kaputtheits-Charme, ein bißchen melodischer Schmus und viel im Geiste der britischen 70er-Jahre-Artrockpioniere von Soft Machine bis Henry Cow - alles ist selbstgemacht an diesem Tonträger, der einzeln gebrannt wird, und für alle Freunde/innen experimenteller Popmusik zu empfehlen ist. Kleine Einschränkungen: Da bei diesem Trio jeder alles macht und alles darf, wird offenbar, daß Singen eine Gabe ist, die nicht bei jedem angenehm klingt, auch wenn es dem Sänger besonderen Spaß macht, und einige Aufnahmen, wie die mit Gedaddel unterlegte Pizzaparty bleiben auf die Dauer allzu privat.
(Note 2 = stark)
Johannes Frisch